Unfall und/oder Behinderung - das ist hier die Frage...?

Eine Sache kann schneller vorbei sein, als sie angefangen hat. Ich habe mich akribisch von Pflichtausrüstung bis Trainingszustand auf meinen Eiger Ultra Trail 2023 mit über 100km und knapp 7000 Höhenmetern vorbereitet. Das Rennen hier hat den Namen "Trail" nicht zum Spaß. Die Trails sind technischer und länger als beim Zugspitz Ultra Trail. Natürlich hat die Zugspitze genauso schwere technische Passagen aber es kommt eben darauf an wie viele davon man zu meistern hat. Aufgrund meiner Sehbehinderung kann ich technische Trails nicht wie ein "Normaler" laufen und muss diese entsprechend langsamer angehen.....

 

Das Ganze geschieht natürlich nicht folgenlos. Der Eiger Ultra Trail hat stramme Cut-Off-Zeiten und diese kann ich strategisch nur einhalten, wenn ich auf den laufbaren Passagen wirklich schnell unterwegs bin um für die technisch schweren Bergab-Passagen genug Zeit zu sammeln, um diese hier lassen zu können. Schnell gerät man hier in Lebensgefahr, kann abstürzen oder sich schwer verletzen, das Hochgebirge ist kein Spaß und schon gar kein Spielplatz!

 

Um 04:00 Uhr morgens fällt im Dörfli Grindelwald der Startschuss für den E101. Es ist noch dunkel und man startet entsprechend mit Stirnlampe. Wenn ich eines hasse, sind es Starts. Diese Hektik und dieses los laufen als gäbe es kein Morgen mehr, als hätte man nicht noch genug Zeit um anständig zu laufen, muss hier geschubst, überholt und gedrängelt werden. Dabei wird keine Rücksicht drauf genommen ob es evtl. eng ist oder die Strecke grad schwer einsehbar ist. Das ist im Hellen schon ein Problem aber im Dunklen noch weitaus verhängnisvoller. Das war in Honolulu schon Scheiße. Nur da läuft man einfach erst mal eine sehr breite Straße geradeaus und sortiert sich dann recht gut ein. Ich war noch keine 100m auf der Strecke als es passierte und ich über eine Bordsteinkante stolperte und mit dem linken Fuß umknickte. Das Rennen und somit mein Schicksal waren für heute ab diesem Zeitpunkt besiegelt. Ich hätte direkt rechts raus gehen und mir in Grindelwald einen ruhigen Lenz machen können, denn die 100km mit über 7000 Höhenmeter sind schon ohne Verletzung eine extreme Belastung und Herausforderung. Mit dieser Verletzung aber unmöglich. Das Übliche: Bänderdehnung. Kennen wir blinden Hühner zu Genüge. Der Vorteil daran ist, dass die Bänder so überdehnt sind, dass sie meist nicht mehr abreissen aber dennoch tut das höllisch weh. Man muss anschließend keine großartige Laufpause machen da ja nichts abgerissen ist, dennoch tut es aber über Wochen danach weh.

 

Würde das hier ein normaler Straßenlauf sein, kann man ruhig weiter humpeln und hoffen, dass sich das Problem über die nächsten 10km raus läuft. Bei einer derart technischen Strecke wie hier aber wird das nichts. Jeder Stein, jede Unebenheit und jeses Schlagloch tun enorm weh und der Fuß versucht das Ganze mit Schonhaltung auszugleichen. Zudem ist der Fuß instabil, ob man das nun wahr haben will oder nicht. Ich wollte es natürlich NICHT wahr haben! Sonst würde ich nicht Harry Lange heißen! Für mich war sonnenklar: "Du gehst nur raus wenn du keinen Schritt mehr laufen oder kriechen kannst und wenn dich der Veranstalter zwingt raus zu gehen!" Ich kämpfte und hoffte also weiter und mittlerweile wurde es hell und die ersten 8km waren vorbei. Ich freute mich über meine Begegnung mit Christiane am ersten Verpflegungsposten nach ca. 10km und humpelte dort ein. Man konnte das nicht mehr laufen nennen und unter Tränen gestand ich ihr wie weh das tat und das ich hier keine Chance mehr sah erfolgreich zu finishen. 

 

Passagen die ich normalerweise laufen hätte können, musste ich langsam humpeln bzw. in 6:20min/km "laufen". Das Problem ist, ich brauchte diese Zeit für die schweren Abstiege und auch Aufstiege. Ich versuchte es mit einer Kühlbandage, Schmerzmittel lehnte ich ab. Schmerzmittel nehme ich a) nur im Notfall und sonst nie und b) bei einem Rennen kann das in die Hose gehen. Ich kenne den Wirkstoff nicht, kann mir etwas kaputt laufen und Spätschäden riskieren und ich will auch meine inneren Organe nicht unnötig belasten damit. So quälte ich mich ewig weiter und immer weiter und realisierte bald, dass ich hier auf nicht einmal die Marathon-Distanz mehr Zeit brauchte, wie ich sie noch nie gebraucht habe. Ich realisierte auch langsam das unmögliche Finish und machte mir klar, dass ein technisch schwerer Abstieg bei Dunkelheit und einem derart instabilen Fuß dumm und lebensgefährlich ist. So wollte ich probieren wenigstens Burglauenen zu passieren. Ich dürfte dann das Rennen vorzeitig beenden, nach Grindelwald zurück laufen und hätte dann für die bis dahin absolvierten 56km wenigstens meine Ehre gerettet und erhielte ein Finisher-Shirt und eine Medaille. Nach dem beschwerlichen Aufstieg zum Faulhorn auf über 2600m und 35km, mit bereits 3000 Höhenmetern Gesamtleistung, war es für mich definitiv vorbei. Ich war bereits 17min über der geforderten Ankunftszeit und somit aus dem Rennen. Der Arzt dort wunderte sich noch, wie ich überhaupt mit der Verletzung dort hin kommen konnte. "Respekt" meinte er nur. 8h40min quälte ich mich bis dort hin, das muss man sich mal vorstellen. Ein normaler Mensch hätte sich abtransportieren und krank schreiben lassen. Hinzu kam der Frust darüber, ohne Helicopter hier nicht runter zu kommen, außer zu Fuß und das mit dem Heli währe mir peinlich gewesen. Ich nahm den leichteren Abstieg runter nach First und von dort aus die Bahn zurück nach Grindelwald. Da musst du aus dem Rennen ausscheiden und darfst 1,5h durch die Pampa humpeln mit dem gesamten Gepäck - eine Schmach! 

 

Im Nachgang dieses Rennens stellt sich mir allerdings die Frage ob ich diese technisch schwere Strecke trotz Behinderung hätte schaffen können oder nicht? Ich bin Realist und es gibt Dinge, die gehen nun einmal nicht. Ich kann keinen Führerschein machen als fast Blinder Mensch und die Fakten warum nicht, sind klar vorhanden. Ich kann nicht beim THW in der SEG (Schnellen Einsatz Gruppe) tätig sein, da ich mindestens 50% Sehrest brauche um Gefahren und notwendige Maßnahmen sofort ergreifen und erkennen zu können. Und ich kann eine technisch schwere Strecke unter Umständen gar nicht, bzw. nicht in der dafür geforderten Zeit absolvieren. Auch das sehe ich ein. ABER ist das so? Wenn ich den Unfall nicht gehabt hätte, währe ich auf Teilen der Strecke schneller unterwegs gewesen und hätte evtl. genug Zeit gehabt die schweren Passagen doch zu meistern. Vielleicht währe ich Letzter geworden und hätte fast 25h dafür benötigt ABER ich hätte gefinisht! Niemand kann mir diese Frage beantworten. Dafür gibt es nur eine einzige Möglichkeit das herauszufinden und zwar die einzig wahre:

 

ICH MUSS ERNEUT DORT STARTEN!!!!

 

Und nur dann werde ich dieses Rätsel lösen. Passieren kann einem das was mir passiert ist auch als sehender Mensch. Ich habe schon Leute bei normalen Marathons stürzen sehen und selbst beim Spartathlon ist mal einer direkt 50m nach dem Start gestürzt und versuchte alles, die 246km unter 36h zum Abschluss zu bringen. Gelang ihm nicht. Scheiße passiert und es hätte schlimmer kommen können. Niemand hat jetzt wirklich Schuld. Ich habe die Kante übersehen, es ist nun mal passiert und nicht zu ändern und ich habe das Maximum versucht aus der Sache raus zu holen. Ich habe mir hier nichts vorzuwerfen. Dennoch ein geiles Erlebnis mit tollen Begegnungen von Menschen und auch Tieren - Muhh!

 

Auf diesem kurzen Video nach ca. 10km kann man evtl. das Ausmaß der Verletzung etwas erkennen. Das hier ist eine Passage, die ich normalerweise hätte schnell laufen müssen. Das war mir leider nicht mehr möglich.