Zu Fuß in unter 31 Stunden, den Balaton umrunden!

 

 

Ich habe es wieder getan. Und das, obwohl ich geschworen habe, vorerst kein Rennen mehr über 200km zu laufen, wenigstens in den nächsten ein bis zwei Jahren. Aber als ich mich letztes Jahr nach dem Spartathlon dazu entschloss, weil dieses Rennen noch auf meiner Liste stand und weil ich Christian Dürregger wieder treffen wollte mit dem ich beim Marathon des Sables 2025 zusammengetroffen bin, so sollte es geschehen...

Es war ein Ritt auf Messers Schneide diesmal. Oftmals war ich nahe dran aufzugeben und dann sah ich doch wieder einen Lichtblick, ankommen zu können. Ich wachte früh um 04:30 Uhr auf und war am Starttag um ehrlich zu sein nicht so fit, wie ich mir das gewünscht hätte. Schmerzen in den Bauchmuskeln deren Ursache momentan ungeklärt sind plagten mich ebenso wie die Tatsache, dass es für 209km nie eine Garantie gibt und ich nicht weiß, ob und wie ich das heute finishen soll. Ich glaubte nicht wirklich dran, sollte das aber definitiv tun, da das ein wichtiger Faktor ist, um so ein Rennen überhaupt erfolgreich überstehen zu können. Ich sprach mir Mut zu, ich bin schließlich ein Spartathlon Finisher und weiß, was hier auf mich zukommt und was diese Rennen einem abverlangen. Dennoch hatte ich im Gegensatz zu anderen keinen Supporter und war alleine auf der Strecke. Christiane war zwar als meine Begleitung und Freundin dabei, konnte mir aber nicht helfen. Wir sind geflogen und somit haben wir ihr Fahrrad nicht mitnehmen können. Es ist ein weiter Weg von Frankfurt nach Ungarn. Mit dem Zug über 18h und so flogen wir über Budapest und nahmen dann die Bahn in Ungarn selbst nach Balatonfüred, was um die 9h Gesamtzeit bedeutete und das konnte man akzeptieren. 

 

Wir hatten ein tolles Hotel, auch zur Belohnung danach und auch, dass Christiane sich nicht langweilt in der Zeit. Jedenfalls musste ich wettertechnisch mit allem rechnen. Es konnte in Ungarn heiß werden bis zu 28 Grad, es konnte aber auch unter 7 Grad bleiben. Wind, Regen, alles konnte dabei sein. Das ist bei diesen Rennen nichts Ungewöhnliches ABER wenn du alleine bist und nur 5 Verpflegungsstellen hast, an denen du was ablegen kannst und diese noch dazu bescheuert gelegen sind, dann musst du entweder viel schleppen oder ein gewisses Risiko hinnehmen. Ich für meinen Teil nahm also eine 12l Salomon Weste, einen Trinkbecher, 1 500ml Salomon Flasche und 2x Maurten Drink Mix permanent am Mann mit. Dazu kam später noch die Stirnlampe und davon 2 zwecks Reserve und 3 Lupine Akkus. Also gut und gern 2-5kg Gewicht stetig dabei. Ich brauchte eine Salomon Regen und Windkleidung immer dabei, denn es konnte mich ja immer und zu jederzeit erwischen. Die Punkte, an denen ich was hinterlegen konnte waren ca. 39km, 73km, 89km, 133km und 177km. Und blöd daran ist halt, dass ich bei 39km noch nichts hinterlegen müsste, aber die Stirnlampe halt bei 89km auch noch nicht bräuchte. Jetzt kann ich die aber nicht bei km 133 hinterlegen, weil es bis dahin stock dunkel ist und ich nicht im Hellen dort hingelangen kann. Also musste ich die Lampen ab km 89 bereits mit mir tragen. Es war da noch warm, hell und das Zeug wog sein Gewicht. Maurten war meine Grundversorgung, da ich es mir nicht leisten kann, irgendwas zu mir zu nehmen was ich nicht kenne. Naja und dann weiß man halt nie, funktioniert das Ganze so. Mal verträgt man den Plan und mal nicht. Ich musste auch drauf achten, den Kram ins Handgepäck zu bekommen im Flieger. Ich wollte das Gepäck nicht wirklich aufgeben, da es Zeit kostete und wichtiges Material evtl. nicht ankommen könnte. Also minimal planen und hoffen. Kein alkoholfreies Bier oder dergleichen hinterlegt, keine Nahrung. Es musste so gehen, es ging beim Spartathlon auch mit wenig bis keiner Nahrung. Ausgerechnet wir sollten aber im schönen Ungarn jetzt zwei wunderschöne und heiße Tage kriegen mit über 20 Grad. 

 

So war der erste Tag bereits eine Schinderei. Ich kämpfte schon ab 30km mit der Hitze und Hitze deshalb, weil ich bislang keine trainiert hatte. Hitzetraining muss man ebenso wie Höhentraining kurz vor einem Rennen absolvieren. Ein halbes Jahr zuvor bringt das nix. Ich hatte in Ungarn damit nicht gerechnet und somit das etwas ignoriert. Ich wusste auch, dass das Zeitfenster in Ungarn nicht so streng ist und somit konnte ich mit der Hitze umgehen, langsamer werden und könnte dennoch finishen. Also musste ich da jetzt durch. Ich sehnte mich nach den ersten 100km und die wollten erst in 12h ca. gelingen. Ich hatte schon bei 80km die Idee auszusteigen, da ich sehr viel gehen musste, Zeit verlor und einfach kein Ziel mehr sehen konnte. Ich wollte dieses Event nicht kampflos aufgeben frei nach dem Motto "Ich habe eh den Spartathlon geschafft, mir kann man gar nichts, ich muss mir nichts beweisen!" Falsche Aussage! Ich bin keine Eintagsfliege die sich auf einem Spartathlon Finish ausruht und es als Ausrede zum Aufgeben nimmt und ich bin auch nicht hier hergekommen um das so leichtfertig aufzugeben. Aber wenn du stundenlang gegen die Wand läufst, einfach nicht weiter kommst, 1 km über 10min dauert und du weißt, dass du die Scheiße noch über 100km ertragen sollst und wenn du so langsam bleibst, nie im Zeitlimit ankommen wirst, dir alles weh tut, dein Fuß eine einzige Blase ist, die zu allem Überfluss dann noch geplatzt ist, dann verlierst du wirklich jeglichen Spaß und Lust. Das ist weder zum Lachen noch leicht, es ist einfach schwer und um ehrlich zu sein zum Kotzen. Man fragt sich in so einem Augenblick wirklich was man da für einen scheiß Sport treibt, was das soll und wozu und warum man sich diese Quälerei geben muss und überhaupt so schlecht unterwegs ist und warum man für diese miese Leistung dann auch noch trainiert und weiter trainieren soll? 

 

Das ist die reine Wahrheit unverblümt und ich halte da auch nicht hinterm Berg. Und wenn dann die Schwätzer kommen und sagen "Ja aber dann lass es halt usw..." Der Punkt ist, wenn du es hinter dir hast, wenn du es geschafft hast und dir im Ziel schwörst "Nie wieder!" Einen Tag drauf sitzt du da und erinnerst dich zurück. Du fährst zur Arbeit, bist im Alltag und vermisst dieses Event. Du vermisst es und es war ja alles so nett. Es ist krank, unglaublich, verrückt, es ist aber so. Und wenn ein Rennen einen Charakter wie diesen hat, dass die Ungarn dich ehren, du ein Zielbanner bekommst, eine Urkunde mit deinem Bild, dass du als Finisher auf die Bühne musst egal ob als Erster oder Letzter und sogar eine Ehrenmedaille kriegst wenn du bis 33h rein kommst, dann könnte man dafür sogar Verständnis aufbringen oder? Aber in dem Moment musst du das erst einmal ertragen und überstehen. Du musst das Richtige tun, auf dich hören und da irgendwie durch. Ich schwor mir in dem Moment, die nächsten zwei Jahre laufe ich keine 200km+ und das habe ich mir versprochen und will das auch halten. Ich wollte dieses Finish und würde mich dann dran halten. Irgendwann nach 100km wurde es dann doch so eng, dass ich tatsächlich annehmen musste, zwar finishen zu können aber nicht offiziell sondern nur der Ehre halber. Wer nach 31h ankommt, darf durchs Ziel, wird auch geehrt, aber hat keine offizielle Zielzeit mit Platzierung. Irgendwie fair, nett, aber man will ja doch eine Platzierung und im geforderten Zeitfenster ankommen. Zudem kann ich 209km eigentlich schneller laufen und in Sparta hätte ich das sogar gemusst. Das wiederum zeigt diesen Charakter vom Spartathlon: Theoretisch hätte ich mit meiner Leistung hier den Spartathlon in 36h finishen können, wenn ich die letzten verbleibenden 37km in der Zeit von 5h die ich dann noch hatte, weitergelaufen wäre. Die nehmen dich aber da schon vorher raus, weil du zu langsam bist! Umgerechnet wäre ich bei 140km draußen gewesen, weil ich zu langsam gewesen wäre für den Spartathlon. Hier beim Ultra Balaton ist das etwas anders: Da hätte ich 14h bei 133km nicht überschreiten dürfen, weil sie dann ein Finish utopisch sehen. Es ist dann einfach nicht mehr drin und um gesundheitliche Probleme zu vermeiden, würde man dann aus Sicherheitsgründen rausgenommen werden. Mir wurde irgendwann bewusst, dass ich für 100km noch knapp 18h hatte und das ließ mich wieder hoffen und glauben, dass es reichen könnte. Ich weiß, solche Rennen können aussichtslos werden. Ich weiß aber auch, man kann sich bei 200km plötzlich so erholen, dass man wieder anläuft und das, als hätte man gerade mit dem Lauf begonnen! Ja, das gibt es alles. Noch ist nichts verloren. Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist!

 

Auch ein absoluter Kampf, die Navigation. Ich musste hoffen, immer irgendwen in Blickweite zu haben von Läufern, Begleitfahrrädern oder das ich die Pfeile erkenne. Wenn das nicht der Fall ist, habe ich ein Problem. Nächste Sache, die Ungarn am Verpflegungsstand verstehen dich kaum bis gar nicht. Wenige von ihnen sprechen englisch. Die Verpflegungsbeutel die man hinterlegt hat, darf man sich zum Teil selbst aus einer Kiste heraus kramen. Das alles kostet Zeit und diese Zeit summiert sich und fehlt irgendwann. Gerade dann, wenn man seinen Arsch nicht mehr zügig in Bewegung halten kann. Und so muss man das alles einkalkulieren. Das eine ist was man laufen kann, das andere ist was man an Zeit auf Klo, Verpflegungspunkten und sonst wo liegen lässt. 133km erreicht und das noch 2h vor Cut Off ließ wieder hoffen. Jetzt waren das aber immer noch verdammte 80km. Ich wollte Nachts Zeit rauslaufen, da die Sonne weg war und es kälter wurde. Leider erholte ich mich aber vom ersten Tag der Hitze nicht so, wie ich mir das erhofft hatte und schon gar nicht in kurzer Zeit. Bis ich mich halbwegs erholte, war es kühl und ca. 3 Uhr morgens. Hinzu kam, ich wollte Gewicht los werden und warf riskant die zweite Lampe ab und nahm nur noch einen Akku mit, dem ich vertraute, dass er 5h schon halten würde. Er hält 3h bei voller Lichtleistung und da ich es stark dimmen konnte, lief es sicherlich länger. Es wurde gegen 05:00 Uhr hell und somit konnte ich mir erlauben, alle Akkus bis auf einen gegen 01:00 Uhr abzuwerfen. Da in etwa erreichte ich ja den 133km Verpflegungspunkt und da entledigte ich mich der Zweitlampe, dem bis dahin genutzten Akku und dem Reserveakku. Dann noch die Schutzkleidung, was wirklich riskant war. Ich ging davon aus, ich war immer noch von Tag 1 überhitzt und es war kein Regen angesagt. Ich würde eh wollen das mir kühl wird, dass ich endlich wieder laufe und bis es dann kühl sein würde, ist ja die Sonne wieder da. Dieser Plan hätte mich auch meinen Kopf kosten können! Es wurde nämlich dann frisch und das Blöde an der Sache, ich war müde und konnte nicht mehr laufen wie ich das eigentlich hätte können sollen. 

 

Ich verfluchte alles! Wegen so einem Mist könnte ich jetzt alles riskiert haben und hätte dennoch die Zeit ankommen zu können. Ein schwerwiegender Fehler und das wegen ein paar Gramm. Die Lampensache ist eines aber die Regenhose und Regenjacke abwerfen war echt gefährlich. Es ging aber gut! Es ging auf 05:00 Uhr zu und es wurde da schon wieder wärmer. Ich wollte Kilometer machen so gut es ging, um ja wenig davon in der Hitze am Folgetag laufen zu müssen. Stundenlang dachte ich echt nur an eines - ans Aufhören. Im ernst jetzt! Ich wollte echt raus. Ich hätte so gern den Hut drauf geworfen das kann ich keinem sagen wie gern. Und es wäre so ein Leichtes gewesen. Am nächsten Verpflegungspunkt ein bisschen jammern, ein Auto kommt und bringt dich ins Hotel. Alles gut, kannst schlafen und frühstücken. Aber eines ist auch klar, du beißt dir in den Arsch das glaub mir! Du beißt dir in den Arsch vom Feinsten zudem du weißt, du hättest das finishen können. Und solange da ein Funken Hoffnung ist und selbst wenn es "nur" die Ehrenmedaille ist. Das muss jetzt gemacht werden, solange es körperlich keine Probleme gibt. Ich wusste auch, ich muss von den Gedanken weg. Ich hatte das Problem mental im Eimer zu sein, es aber nicht leichtfertig hinwerfen zu wollen. Körperlich tat mir alles weh, der Hintern wund, dauernd austreten, laufen konnte ich nicht, Blasen an den Füßen weil ich so langsam vor mich hin eierte und irgendwann muss ich zu allem Überfluss noch den Punkt verpasst haben, wo ich noch halbwegs hätte laufen können, mich dazu zu zwingen, das zu tun, es zu versuchen, immer wieder! 

 

Wenn du in so einem Rennen einmal da draußen bist, nur noch gehst und nicht mehr ins Laufen zurückfindest, dann ist es aus. Du kannst das nicht marschieren, es reicht hinten und vorn mit der Zeit nicht. Ich konnte nur so trödeln, weil ich am Anfang die Beine in die Hand nahm. Jetzt aber auch nicht mit Zielzeit 24h oder so, also nicht zu schnell. Nein, realistisch in 29h wie ich das eigentlich können sollte, wenn alles gut läuft und ich gut beieinander bin, es nicht zu warm ist und einfach alles stimmt. Auch ein Theater das Chipmess-System. Das war schon ok mit dem Chip am Handgelenk. Dumm daran war, dass die Ungarn das manuell nahmen. Alle 10km wurde der Chip gescannt. Wenn man verpasste gescannt zu werden, war man beim 2. Mal draußen. Man durfte sich das Verpassen also maximal 2x leisten, dann wurde man disqualifiziert. Das ging jetzt leider einfacher als gedacht. Eigentlich sollten die Ungarn dich kommen sehen und dich anhalten zum Messen - eigentlich. Manchmal schauten sie doof umher, waren unkonzentriert und wenn du nicht selbst auf die Idee kamst nach dem Chip Scannen zu fragen, dann wurdest du eben nicht erfasst. Ich blindes Huhn fragte also an jedem VP pro-forma nach der Chipmessung. Wenn es hieß "next station", alles ok. Ansonsten kamen sie angerannt und scannten mich. Ich hätte so fast den ersten 10km Messpunkt überlaufen bis ich gerafft habe, dass man das nur hin bekommt, wenn man selbst voll konzentriert bleibt. Und das sei mal nach über 30h. Sei mal voll konzentriert... Ich vergaß sogar an den 5 Punkten wo es warmes Essen gab, dieses aufzunehmen. Einfach deshalb, weil ich so mit meinen eigenen Sachen zu tun hatte. Ich musste ja die Lampen kriegen, neue Gels aufnehmen oder den hinterlegten Drink Mix und Müll abwerfen, evtl. noch Wasser auffüllen oder schauen ob ich noch genug Salz dabei hatte, dann die Chipmessung im Auge haben und dann sollst noch deine Liste prüfen wo was hinterlegt ist und jetzt noch klar checken wo es was zu essen gibt. Ich machte mein Ding, lief los und stellte fest, dass andere Pasta hatten und ich nicht. 

 

Es musste also ohne gehen. Als ich bei 133km endlich mal dran dachte, gab es da nur noch Gemüsesuppe, keine Pasta und auch keine Kartoffeln. Tja, Pech. Improvisation ist alles. Gibt es halt Käse mit Gurke und Brot und Maurten. Diese Plirre konnte ich irgendwann nicht mehr sehen aber sie geht dennoch leichter als Vitargo rein. Das ist dickflüssiges Zeug aber es ist so magenfreundlich und hilft dadurch, weil es 80g Kohlehydrat auf einen 500ml Drink bietet. Endlose Zeit verging und ich erreichte endlich die 170km. Mir war klar, die 180km in 24h waren nicht mehr drin heute. Mir war auch klar, 160km könnten knapp werden aber sie sind machbar. Wenn ich 160km in 24h hätte, würden 49km auf 7h bleiben und das klingt ja wieder sowas von machbar! Unglaublich! 

 

Dennoch tat es ja weh aber hey, so eine Distanz tut weh, das ist ja zu erwarten. Wenn ich jetzt aber 170km in 24h kriegen könnte die ich nun als machbar erkannte, dann wären es ja nur noch 39km und das mit 7h Zeit! Nun, ganz ging das nicht auf. Ich erreichte nicht ganz die 170km in 24h aber ich war nicht weit davon entfernt. Mein Tempo wurde wieder langsamer, die Temperatur nahm zu, meine Kraft, Lust und Zuversicht leider ab. Ich erreichte meinen letzten Verpflegungspunkt wo ich was hinterlegen durfte bei 177km und das war härtere Arbeit, als die Zeilen hier zu schreiben. Als ich diesen endlich erreicht hatte, blieben mir knapp 5h für 32km. Die Zeit läuft einem dann aber Stück für Stück davon. Die Hitze kam, es wurde warm. Teilweise Gegenwind, dann wieder kein Lüftchen und heiß. Asphalt reflektierte die Hitze, kein Schatten und zudem keine Kühlung. Keine Kühlung am VP und die Ungarn fanden nicht gut, dass ich mit Trinkwasser meine Mütze benätzte, aber das war meine einzige Kühlungsmöglichkeit und Chance hiergegen was zu tun. Auf das Salz achten, wie in der Wüste trinken, nicht in den Durst kommen und auch nicht zu viel, dass ich nicht stetig aufs Klo musste. Klos - naja müssen wir das bereden? Es gab sie, anfangs noch mit Papier, später ohne und 3 von 5 Dixis verschlossen. Wildschiß sollte hier bevorzugt werden - es hilft ja nix. Nachts ok, tagsüber an den Seebauten undenkbar und so nutzte man Büsche oder die paar Leitplanken die es auf dem Weg gab. Wenn das Draufsetzen zu schwer ist, einfach daneben. Endlich ging es um die Wurst und Richtung der 200km. Am nächsten VP einen Ungarn gefragt und der sagte voller Zuversicht, es seien ja eh nur noch ca. 5km jetzt. Also er meinte es ist jetzt hier der vorletzte Punkt und dann noch 3km zum letzten Punkt und dann so 4km ins Ziel. Also nur noch 7km? Echt? Geil! Na dann habe ich mit meinen 2h ja locker Zeit, alles wird gut und ich kann es wieder schaffen. Über 10min/km sollte ich nicht kommen, dann geht sich das nicht aus. Am besten versuchen immer 9:30min/km zu halten, das geht. Weil ich nicht mehr recht anlaufen konnte und den Zeitpunkt verpasst habe das ordentlich zu tun, weil ich nicht wollte, konnte, beides, musste ich jetzt aber aus dem Loch da raus. Wenn ich nicht laufen konnte, dann reicht das verdammt noch mal nicht mehr! Weil ich also nicht richtig lange laufen konnte, nicht mal 5km zum nächsten Verpflegungspunkt, lief ich 50m und ging. Wieder 50m und ging. Dann probierte ich 100m und ging wieder. Und so ging das lange Zeit. Ich musste versuchen mit Gewalt immer wieder anzulaufen. Wenn ich nicht mehr konnte kurz gehen, aber dann gleich wieder anlaufen, nicht aufgeben. Irgendwann ein letztes Aufbäumen und 7:30min/km liefen so ca. 3km lang. Das brachte mir ein paar Sekunden ein aber ich konnte so nicht mehr weiter machen - leider. 

 

Jetzt kam die Ohrfeige... Ich lief und auf dem Boden tauchte ein 200km Markierungspunkt auf. Meinen die das jetzt im ernst? Denn wenn sie das meinen, dann sind das jetzt noch 9km! Und damit habe ich weder gerechnet, noch habe ich dafür die Zeit noch. Verdammt das sind ja 1,5h jetzt knapp für 9km und wie soll ich das noch packen? Finish mit Ehre ja, aber im Zeitfenster? Verdammt! Nach all den Strapazen, der Nacht, dem Leid, jetzt das als Dank? Ist der Welten Lohn Undank ja? Ich fragte am nächsten VP nach und ein Ungar bestätigte mir genau das. Dumm zu glauben das man uns Distanz schenkt. Könnte ich besser sehen, hätte ich es gewusst und nur weil diese blöde Kuh am VP so einen Scheiß erzählt! Ich liebe die Ungarn aber in dem Augenblick verfluchte ich sie. Dass sie mich nicht verstehen, dass sie keinen da haben der mich versteht, dass die Ausschilderung usw. Es hilft ja alles nix. Hinwerfen oder Fresse halten und arbeiten? Also Fresse halten und arbeiten. Ich wurde ruhig, besann mich: 10min/km sind 20min auf 2km. Das sind 50min auf 5km und 90min auf 9km. Wenn ich jetzt 9:30min/km laufe, mache ich 30sek pro km gut und wenn ich dann den letzten VP nicht mehr anlaufe und wenn nur, um kurz die Mütze zu kühlen und dann, arbeiten, arbeiten, arbeiten! Dann klappt das, wenn auch auf Schamhaares Breite. 

 

Ich erreichte endlich den letzten VP und es waren noch endlose 3,8km bis ins Ziel. Ich lief diese so hart ich konnte. Ich hoffte bald die Stimme meiner lieben Christiane zu hören und da war sie! "Harry, du harte Sau, noch ca. 5min dann bist du da!" Noch 5min? Das kann doch alles nicht sein. Ich schaute permanent auf die Uhr. 31h20min, 31h30min... Das kann nicht sein wegen der paar Meter da muss sich das ausgehen und - 20min vor Cut off, es ging sich verdammt noch mal aus! Ich war da, Finisher, richtiger Finisher mit eigenem Zielbanner und Medaille. Ich war mental und körperlich am Ende. Ich nahm das Zeug, ich konnte nicht mal mehr weinen, lachen, ich war durch. "Nie wieder" entfuhr es mir noch und ich sagte zu Christiane, dass ich sofort ins Hotel will. Auf direktem Weg, nicht über Los, keine Gefangenen, sofort dorthin, da ich mich gleich hinlege. Der Kreislauf spielte seit 9km verrückt. Eigentlich hätte ich aufgeben müssen, da es gefährlich war. Ich dachte mir aber, der hat jetzt 200km gehalten, hält der 9km auch noch aus. Mit letzter Kraft schleppte ich mich diese 300m zum Hotel, legte mich so wie ich war ins Bett und war erst mal überhitzt zu nichts mehr in der Lage. Ich zog mich Stück für Stück über ca. 2h aus, halluzinierte teilweise vor mich hin, war da und wieder weg wie nach einer OP, irgendwann ausgezogen und versuchte den Straßendreck abzuspülen weil mir die Haut weh tat. Verbrannt war sie und nicht eingecremt. Nach der Dusche ging es an die Hotelbar um eine Kleinigkeit zu essen. Dort hampelte ich auf dem Stuhl hin und her weil ich vor Schmerzen nicht wusste wie sitzen. Ich aß das Ding und Christiane fragte mich im Zimmer angekommen, ob wir noch fernsehen könnten. Ich antwortete mit "ja" und ab diesem Punkt weiß ich nichts mehr. Ich war weg bis morgens um 05:00 Uhr. Einfach weggetreten. Irgendwann vermutlich eingeschlafen und Christiane wartete vergebens aufs gemeinsame Fernsehen. Zum Glück verstand sie, dass es wenig Sinn hatte mich erneut zu fragen... 

 

An alle Neider da draußen die da immer noch meinen der Harry hat ja nur einmal den Spartathlon gemacht und hatte einen guten Tag. Eine Eintagsfliege oder ihm fehlt es an mentaler Härte... Wenn ihr es jetzt nicht kapiert habt, wen ihr vor euch habt, kapiert ihr das in diesem eurem Leben nicht mehr. Kann mir eigentlich auch absolut egal sein. Ich weiß was ich kann, wer ich bin und zu was ich in der Lage bin und ich mache meine Arbeit auch ohne Support. Ich arbeite dann, wenn andere Schönwettersportler schon aufgeben, weil sie es nur unter Königsbedingungen wagen und können. Ich bin einer der richtigen Athleten, basta. 

 

In 7 Wochen geht's zum Comrades und der hat ja "nur 90km".

 

Hier das Ergebnis des Live Tracks!!