Es gibt einfach Dinge, die man nicht in Worte fassen kann. Selbstverständlich kann ich euch vom Rennverlauf berichten, wie das Wetter war oder wie es mir dabei eben so ging. Dennoch kann ich diese Stimmung, das Erlebte einfach nicht in Worte fassen, da es ein reines Wechselbad der Gefühle ist und sich Emotionen schwer bis gar nicht in Worte fassen lassen. Selbst wenn ich mir vorher bei meinem Freund Holger Videos angeschaut habe, haben diese mich nicht annähernd so berührt wie der Moment, an dem ich selbst dort stand und es erleben konnte....
Südafrika. Ein Land, in dem Armut und Reichtum noch näher beieinander liegen wie bei uns und wo man Dinge auf den Straßen sieht, die man lieber nicht sehen würde und doch hat dieses Land so viele faszinierende Schönheiten zu bieten und die Menschen dort sind im Grunde sehr lebensfroh und emotional. Was ist nun so besonderes an diesem Comrades, der seinen Namen Marathon nebenbei noch zu Unrecht trägt, da es über 80km sind. Mal sind es knapp 90km, mal nur 86km. Es kommt auf die Baustellen und Streckenführung an. Aber er ist nun mal geschichtlich der älteste Ultralauf und jährt im Jahr 2027 mit 100 Jahren Existenz. Der Spartathlon ist historisch und kommt so gesehen aus der Antike. Er findet aber erst seit den 80ern Statt und wurde von einem kleinen Team aus England ins Leben gerufen um herauszufinden, ob die Erzählung von Herodot möglich ist.
Der Comrades hat einen anderen, aber nicht weniger interessanten geschichtlichen Hintergrund und es gibt sogar ein Comrades Museum. Dieser Lauf findet wie gesagt 2027 zum 100. Mal statt und ist somit der älteste Ultralauf und in Südafrika das Event der Events. Ihn zu schaffen ist etwas ganz großes dort. Ich träume schon lange davon dort starten zu können, da eben dieser Lauf als sehr besonders gilt und obwohl seine Streckenführung jetzt keine Trails hat, dennoch aber viele Höhenmeter, ist sie relativ hart zu laufen. Keiner weiß recht wieso aber dieses Rennen hat es einfach in sich. So machte ich mich also mit Holger auf, der mir seine Unterstützung anbot vor Ort, da er dieses Rennen seit 19 Jahren erfolgreich mitläuft, sich super dort auskennt und als Local gilt. Er ist in einem südafrikanischem Laufverein "Irene" und ich kann mich an seiner Seite sicher fühlen. Ich hätte die Reise wohl alleine auf mich nehmen können oder mit Christiane, aber wenn man sich auskennt und weiß wo man was wie tut und was nicht, ist es halt einfach leichter. Johan ist ein jahrzehntelanger Freund von Holter und so haben wir einen Männerurlaub draus gemacht. Vor Ort hatte ich viele schöne Dinge erlebt von Tauchgängen bis hin zum Surfen und natürlich ging es immer nur ums Eine, den Comrades!
Die Menschen dort singen, tanzen und lachen viel und sie können es dazu noch sehr gut. Sie leben nicht morgen oder im kommenden Jahr, sie leben im Hier und Jetzt und genau das drücken sie mit ihren Gesängen und mit ihrer Art aus. Man muss verstehen das viele von ihnen jahrelang diesen Traum haben dort einmal starten zu dürfen, das Geld dafür aufzubringen und das Training machen zu können und dann ist ihnen unter Umständen ein Finish nicht einmal sicher. Wenn sie es dann geschafft haben, ist es das Größte was sie sich wünschen aus Läufersicht. Ich rede eben von diesen Menschen aus dem Volk, die an diesem Lauf teilnehmen wollen und jährlich teilnehmen. Das sind nicht reine Eliteläufer sondern Menschen aus dem Volk deren Traum es ist, dieses Großereignis nicht nur feiern, sondern auch selbst erleben und abschließen zu können. Es ist ganz anders als wenn unsereins mal eben da hin fliegt oder sonst ein Rennen versucht, es halt nicht klappt und man halt wieder hin geht und es erneut versucht. Denn für diese Menschen ist das unter Umständen eine einmalige Chance auf die sie hart hinarbeiten müssen. Die wo nicht am Start stehen, stehen am Streckenrand und feuern einen an. Es ist nicht wie in New York, wo es einfach nur laut ist und einer versucht den anderen noch mit Lautstärke zu übertrumpfen. Nein, es ist herzlich laut, um es mal so auszudrücken. Wenn dir beim Comrades Leute mit deinem Namen zurufen, den sie auf der Startnummer lesen können, meinen sie das ehrlich. Sie schreien nicht einfach nur so herum. Selbst an einem Berlin Marathon habe ich nicht erlebt was hier an der Strecke los ist. Am Start selbst und bis es hell wird, ist es noch relativ ruhig und man läuft ja auch auf einer gesperrten Autobahn erst einmal los. Aber später ist die ganze Strecke eine einzige Partymeile, die ich so noch nirgends gesehen habe. Alleine die Streckenversorgung ist überragend und man hat nahezu alles was man benötigt, von Eis bis Cola. Die Helfer sind herzlich und man hat das Gefühl sie würden nahezu alles tun, dass du ins Ziel kommst. Du wirst angefeuert, umsorgt und gefragt was man für dich tun kann und das jeder, der da vorbei kommt von über 20.000 Läufern! Jetzt hast du auf der einen Seite die Armut und das Leid was auf den Straßen herrscht und wir haben sogar einem armen einbeinigen Menschen Material von uns geschenkt. Er hat jetzt einen neuen Pullover, eine Jacke, Schuhe und einiges zu essen und so kann man ohne Hilfsorganisation vor Ort direkt mit Kleinigkeiten anderen helfen. Auf der anderen Seite habe ich in Südafrika Fleisch gegessen, dass es nirgendwo sonst so gibt. Ich habe ohne Übertreibung noch nie so ein Fleisch auf dem Teller gehabt wie hier und würde in Deutschland alleine schon deshalb zum Vegetarier mutieren. Schlimm ist natürlich, dass sich der größte Teil der Bevölkerung das nie leisten können wird. Die Menschen in den Bars die dir das hinstellen, haben selbst vermutlich kaum eine Chance an so was zu kommen und das sollte man auch respektieren und ehren.
Schaut euch bitte mal dieses Video vom Vortag von der Strandpromenade an. Das war ein Tag vorm Rennen wo man sich noch ein bisschen einläuft wie vor den meisten Rennen. Einfach ein bisschen einlaufen? Das sieht beim Comrades ganz anders aus....
Auf der Strecke habe ich DIXI Klos mit Spülung gesehen und einen beleuchteten Wasserkocher im Zimmer. Ich will euch damit die Gegensätze einfach klar machen und die erschlagen einen. Auf der einen Seite hast ein Apartment wo du lieber wieder Kehrt machen und gehen würdest und auf der anderen Seite eines, wo du am besten gleich noch heute einziehen würdest. Um auf das Rennen an sich einzugehen, ist es für mich ein Rennen wie jedes andere auch. Ich muss meine Pace planen, muss mir überlegen was ich wo wann brauche und muss bezahlen wenn der Plan nicht aufgeht. Wenn ich aber "Shosholoza" heute höre, bekomme ich sofort Gänsehaut und es laufen die Tränen. Egal wo ich gerade bin. Am Start gibt es immer die legendäre südafrikanische Hymne und tausende Leute singen diese mit! Das ist ein unbeschreibliches Gefühl, da sie es von Herzen tun, nicht einfach nur hinaus grölen, wie beispielsweise die Deutschen nach dem 20. Bier vorm WM Spiel. Das ist ganz was anderes, sorry. Und dann kommt "Shosholoza" und wieder alle singen mit. Du hörst nichts außer "Shosholoza". Und dann läufst du mit Tränen in den Augen mit dem Startschuss los und muss schauen wohin, weil der Blick verschwommen ist. Nicht aus Trauer, aus Rührung, aus Mitgefühl aus - ich weiß nicht warum eigentlich. Das ist ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Freude! Des Friedens, nenne es wie du willst. Als es mir auf der Strecke dreckig ging, sang ich "Shosholeza" und tausende Stimmen sangen vom Streckenrand voller Inbrunst mit! Das ist ein unbeschreibliches Gefühl. Wenn man gehen muss und nicht mehr kann, die Leute deinen Namen rufen und dir zurufen das du laufen sollst. Denen zu ehren musst du das alleine schon wenigstens versuchen und wenn es dir gelingt, explodiert die Menge! Eine Schulklasse mit Rollstuhlfahrern war am Streckenrand und folgte dem Event. Ich hielt an und gab jedem Kind die Hand, dankte ihnen das sie für uns heute hier stehen und rief "Hakuna Matata!" Und bekam Lächeln und eben dieses "Hakuna Matata" zurück. Als eine südafrikanische Gruppe am Streckenrand gesungen hat und mich anlächelte dabei, zog ich meine Kappe, winkte ihnen zu und lief dabei weiter.
Ich war mit einer schwarzen Gruppe bei ungefähr 40km unterwegs die sangen und ein Tamburin als Taktgeber bei sich hatten. Ich schloss mich dieser Gruppe an und lauschte den Gesängen. Ich verstand kein Wort aber ich fühlte und diese Energie, die ich dabei fühlte die riss mich mit. Sie ließ mich fühlen die Freude, die Trauer, Verzweiflung, Hoffnung und alles auf einmal sagen wir mal im Frieden explodierend wie ein Feuerwerk. Ein Schwarzer lächelte mir zu und ich blickte ihn an, sprach zu ihm "how magic, how beautiful this is" Er sah meine feuchten Augen, bekam dieselben, wir berührten einander und liefen Mann neben Mann weiter, stimmten klatschend dem Rhythmus mit ein. Es gelang mir ein paar Videomitschnitte zu machen, die nicht gut sind, aber die Stimmung sicher gut rüber bringen können:
Ich erzähle euch das und fühle es dabei aber könnt ihr aus reiner Vorstellungskraft fühlen was ich beim Schreiben dieser Zeilen fühle? Ich fürchte ohne was Falsches zu unterstellen eher kaum bis nein. Dazu muss man das fühlen. Natürlich gibt es für alles Grenzen und auch wenn das Singen und der Rhythmus toll waren, so konnte ich halt nach ca. 10km das Tempo von 6:20min/km nicht mehr mitgehen, war mir einfach zu schnell. Aber wie die Strecke des Comrades, welche ein auf und ab ist, ist auch das Leben ein auf und ab und eben geht es im Ultralauf auch immer auf und ab. Glaubst du noch bei 20km das alles gut wird, verlierst du bei 30km die Hoffnung und bei 50km siehst du das Ziel nicht mehr, während du bei 70km wieder Hoffnung schöpfst und bei 80km explodierst und kämpfst weil du weißt, das Finish ist dir sicher! Und das alles ist Comrades für mich, neben der Tatsache, dass ich die ersten 15km gut unterwegs war und mich gewundert habe, warum diese Strecke nur so schwer ist, wenn sie so steil doch gar nicht ist. Das ist ja keine Trail, das ist kein Berg. Dennoch gibt es in Südafrika in dieser Region leider nur zwei Dinge: Es geht rauf oder es geht runter. Geraden gibt es so gut wie keine. Behinderungsbedingt ist die Strecke einerseits ein Traum, da man sich hier einfach wirklich nicht verlaufen kann, dafür ist einfach zu viel los und die Strecke zu klar, andererseits Straße, keine Trails, keine Stolperfallen - bis auf eine ganz böse Sache: Die Cat Eyes! Nein, keine bösen schwarzen Woodoo Katzen in der Nacht oder so. Dabei handelt es sich um Straßenmarkierungen die an den Außen- und Mittellinien von stark befahrenen Straßen befinden. Diese Dreckdinger sind hinterfotzig und so gebaut, dass du hängen bleibst und stürzt. Gerade wenn du müde wirst, fokussiert bist und nicht darauf achtest, kann das böse enden. Zudem bist du nicht alleine, kannst eine Massenkarambolage auslösen und überrannt werden. Die sind nicht immer eindeutig sichtbar. Helfen kann da nur, halte dich beim Laufen stets von Linien fern. Das geht leider nicht immer ganz so einfach bei der Masse an Menschen. Ansonsten aber ist der Kurs klar, die Versorgung auch, weil sie einem sogar zurufen was sie anbieten und das macht es gerade mir erheblich leichter. Klar kann man mal daneben greifen und ja, manchmal muss man nachfragen ABER wenn man da nachfragt, kann es sein, dass ein Helfer los rennt und besorgt was man braucht. Nach ca. 35km machte bei mir jedenfalls der Harmstring links zu und ich weiß nicht wieso. Ich kenne diese Verletzung, diese tat aber eben so weh, dass ich glaubte aussteigen zu müssen. Ich konnte das nicht in den Griff kriegen. Langsam laufen, gehen, Schrittwechsel, es war irgendwie wie verhext. Zum Glück hatten die Eis und das rettete mich. Eiswürfel in die Hose, Eisspray drauf und dann ging es wieder ein paar Kilometer weiter. Es schmerzte wieder, und wieder Eis usw. So ging es halt in einem fort. Zu warm war mir auch bei über 25 Grad. Ich hatte kaum bis kein Hitzetraining für dieses Event gemacht, zwischen Ultra Balaton und diesem Rennen lag zu wenig Zeit zuzüglich Regeneration, die ein schnelleres Grundtempo nicht erlaubt hat und so fehlte mir Höhentraining und Hitzetraining, um hier noch besser unterwegs sein zu können. Man hat zwar 12h Zeit für die Strecke aber ihr glaubt nicht, was sich für Dramen im Zielbereich abspielen....
Wer nicht rechtzeitig ankommt, darf nicht über die Ziellinie, auch wenn er diese erreicht! Das ist hart, aber auch fair. Man muss in den 12h Gesamt rein kommen und es gibt Leute die hier um Sekunden kämpfen und versagen. Mir wäre lieber ein Rennen nicht finishen zu können, weil ich vorher schon aufgeben muss aus gesundheitlichen Gründen oder der Cut off, was auch immer, Lieber 10km vorher und das akzeptieren, als im Ziel anzukommen und doch nicht anzukommen aber, auch das ist Comrades. So wurde auch mir bald bewusst, dass reines Spazierengehen nicht drin war. Ich musste schon laufen auch. Mit der ein oder anderen afrikanischen Gruppe ging das immer wieder mal eine Weile gut, aber dann musste ich mich doch selbst durchkämpfen. Meine Versorgung war ok, ich schleppte meine Maurten Gels und Lampe vom frühen Morgen mit, weil es keine Möglichkeit gab diese abzugeben und dann half ich noch einem dehydrierten Kollegen auf der Strecke mit Salz, Gel und Wasser. Schließlich sind wir neben dem Wettbewerb alle Comrades, die aufeinander aufpassen!
Und so kam es, dass es auch mir endlich nach einem langen Arbeitstag vergönnt war, den Comrades nach 10h50min zu finishen! Mein Wunsch war eigentlich unter 10h rein zu kommen, unter 9h fand ich von Anfang an aufgrund der Höhenmeter eh unwahrscheinlich. Aber unter 10h hoffte ich lange bis ich einsehen musste, so ca. 25km vor Ende, das wird nix. Aber wenigstens unter 11h sollte es doch bitte werden und das gelang mir zum Glück, wenn auch nur knapp. Auf der anderen Seite bin ich dankbar wieder ein Rennen gefinisht zu haben, denn man kann ja auch, wie ein Mitläufer von uns aufgrund von Magenproblemen aussteigen müssen. Und dafür kann niemand was. Das kann jeden treffen und dann ist halt schnell auch Schluss. Da habe ich selbst schon kenianische Spitzenläufer kotzend aussteigen sehen. So oder so, ein Finish ist ein Finish. Ein ungeschriebenes Gesetzt besagt, man ist erst dann ein Comrades Finisher, wenn man sich die Back to Back Medaille holt. Das Blöde an der Sache, es geht nur am darauffolgenden Jahr. Es geht nicht in 2-3 Jahren oder so, es muss kommendes Jahr sein. Man läuft einmal von Durban nach Pietermaritzburg und im darauffolgenden Jahr wird die Strecke gedreht. Also von Pietermaritzburg nach Durban. Das ist Back to Back und wird gesondert geehrt. Neben anderen Spielchen wie Green Number Club und was es noch so alles gibt und ganz nett ist, überlege ich mir halt auch immer den organisatorischen Aufwand, denke bei diesen großen Reisen auch immer an die Umwelt und auch wenn ich nicht komplett darauf verzichte, will ich es damit nicht übertreiben. Ich überlege den Back to Back der Ordnung halber zu machen, muss diese Entscheidung aber halt im nächsten halben Jahr treffen und habe nur diese eine Chance. Finishe ich das Rennen nicht, war alles umsonst. Zumindest was das Rennen betrifft. Die beeindruckende Stimmung, die Menschen vor Ort und die neuen Bekanntschaften die wir geschlossen haben, das bleibt freilich.
Apropos Bekanntschaft: Hatte ich durch Holger die Ehre das Angola Team kennenzulernen und die After Party mit dem Irene Athletic Club, seinem südafrikanischen Laufverein mit erleben zu dürfen, in dem auch Johan Mitglied ist. Da kommt man als normaler Starter nicht ran. Und da wird gefeiert! Der Irene Athletic Club ist ein Verein, wenn die essen und trinken, dann essen und trinken die. Sie feiern sich, ihren Erfolg, sind nett beieinander und es wird gebechert was da rein geht von Tequila bis Jägermeister und wem es fad wird, der mixt den Scheiß irgendwie noch munter zusammen und schaut was passiert. Dabei wird aber keiner ausfällig oder unangenehm. Es ist einfach das Zusammengehörigkeitsgefühl was man sich von einem Verein wünscht. Und das leben diese Teams da. Schon beim Einlaufen vor Ort am Strand erlebt man diese faszinierende Stimmung die ich noch nirgendwo sonst gesehen habe. Nicht aufgesetzt, das ist eine Lebenseinstellung und ich behaupt mal genau das macht den Unterschied aus.